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Semper Vivus – immer lebendig

Das Porsche Museum und die Porsche Classic Clubs auf der Retro Classics in Stuttgart

Für viele gilt sie als der Startschuss in die Clubsaison, als Auftaktveranstaltung in einen PS-starken Eventsommer: die Retro Classics in Stuttgart. Doch schon früh im Jahr steht fest, dass dieses kein gewöhnliches Jahr wird. Schon als die süddeutsche Kultmesse Ende Februar auf Hochtouren angelaufen war, hatte mancher beim Gang entlang der dort ausgestellten traumhaften Oldtimer, Youngtimer und spannenden Zeitzeugen spekuliert: Wie geht es nach der Retro Classics weiter? Wird die Techno Classica in Essen überhaupt noch stattfinden? Und was, wenn nicht?

Der Grund: das Corona-Virus. Dem ein oder anderen dämmerte schon in Stuttgart: Die Retro Classics könnte die vorerst letzte Messe ihrer Art sein – das Startsignal in eine unvorhersehbare Saison.

Und es sollte so kommen. Das Virus änderte alles. Auf den Auftakt folgte der Stillstand. Das öffentliche Leben – ausgebremst. Die Austragung von Events jeder Art – undenkbar. Zum Wohlergehen uns aller. Uns bleibt: eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation.

Der internationale Porsche Swap im März musste verlegt werden. Veranstaltungen im April und Mai stehen aktuell unter Vorbehalt und wir hoffen, dass sich die Situation bis Juni soweit stabilisiert haben wird, dass die Saison 2020 ihren Faden aufnehmen kann und einige der bisher geplanten Highlights stattfinden können.

Doch ob und wie schnell es wieder weitergehen kann: ungewiss. Das Virus kennt keine Gewissheiten. Zwischen unserem Ausblick auf die Saison und diesen Zeilen liegen gerade einmal zwei Monate. Wie schnell sich die Welt verändert hat.

Innovation von heute – Tradition von morgen

Doch zurück zur Retro: Wie schon im letzten Jahr befanden sich die Stände der deutschen Classic Clubs und des Porsche Museums in Halle 1. Und was sich im Vorjahr schon bewährte, machte erneut mächtig Eindruck: Nebeneinander und nur durch einen Gang getrennt vereinten sich die beiden Stände zu einer wirkungsvollen Porsche Fläche, die nicht nur aufgrund ihrer Weitläufigkeit den gewohnt ganz besonderen Hingucker darstellte.

Die Symbiose unterschied sich jedoch im Detail. Denn beim genauen Blick erkannte man rasch: Die beiden Ausstellungskonzepte hatten sehr wohl ihre Unterschiede oder besser: ihre Besonderheiten. Das Porsche Museum entschied sich für eine kleine, aber feine didaktische Reihung von jenen Fahrzeugen, die für das Unternehmen wichtige Meilensteine darstellen. Mit dabei auch einige Porsche aus der Neuzeit, die man so auf einer Klassikmesse nicht erwartet hätte.

Die Zeitreise bei Porsche begann mit dem Blick in die Vergangenheit und dem Lohner-Porsche Semper Vivus, einem fahrbereiten Nachbau des ersten funktionsfähigen Hybridfahrzeugs der Welt. Am anderen Ende der Chronik: die Gegenwart, das neueste Mitglied der Familie – der Porsche Taycan. Dessen motorisiertes Herz: voll elektrisch – wie die Zukunft.

„Obwohl das ein Neufahrzeug auf einer historischen Messe ist, ergibt das für uns als Porsche AG durchaus Sinn“, sagt Frank Jung. Der Leiter des Unternehmensarchivs betrachtet es als eine wesentliche Aufgabe der historischen Öffentlichkeitsarbeit, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen. „Wir zeigen hier Innovationen aus verschiedenen Jahrhunderten.“ Und erst, wenn Innovation erfolgreich wird, werde daraus Tradition, erklärt Jung. „Wenn wir die Vergangenheit nicht in die Zukunft übertragen würden, würden wir lediglich dem Lauf der Dinge zuschauen. Wir schauen aber mit einer starken Vergangenheit nach vorne.“ Und das sei der für Porsche logische Verlauf. „Innovation von heute ist die Tradition von morgen.“ Was er damit meint, spiegelt sich im Motto des Messeauftrittes: Pionier nachhaltiger Mobilität. „Die Porsche Geschichte beginnt elektrisch. Ferdinand Porsche kam durch die Faszination für Elektrizität überhaupt erst zur Mobilität und darüber in den Automobilbau“, erinnert Frank Jung.

Tatsächlich: Ferdinand Porsche war bereits als junger Mann begeistert von der Elektrizität. Die älteste noch existierende Porsche Konstruktion aus dieser Zeit ist von 1898, der Egger-Lohner C2 mit einem Oktogon-Elektromotor, der im Museum als Original steht.

Jung: „1900 hat er auf der Weltausstellung in Paris das erste Elektromobil unter dem ,System Lohner-Porsche‘ herausgebracht.“ Im gleichen Jahr konstruierte er das erste Elektromobil mit vier Radnabenmotoren, das gleichzeitig das erste Allradfahrzeug der Welt repräsentierte. „Und er hat als Range Extender auf sein Elektromobil zwei Einzylinder-De-Dion-Bouton-Verbrennungsmotoren installiert, die einzig dazu da waren, den Generator anzutreiben, der wiederum die Radnaben antreibt“, weiß der Porsche Archivar. Das Ergebnis: das erste funktionsfähige Voll-Hybridfahrzeug, das es gab. „Und mit den Anfängen schließen wir den Kreis und gehen den Weg gerade wieder zurück, vom Verbrenner über den Hybrid zum Elektrofahrzeug. Ohne uns alleine auf eine Antriebsart zu beschränken. Es wird ja weiterhin Verbrenner von Porsche geben, aber eben auch Hybrid- und Elektrofahrzeuge.“

Der Coup

Samstagmittag. Auf dem Stand der deutschen Classic Clubs drängen sich Besucher, Interessierte und Motorsport-Fans. Walter Röhrl, Rallye-Ikone und Porsche Markenbotschafter, zieht Begeisterte an. Dass er einen guten Draht zu den Porsche Classic Clubs hat, weiß man. Aber dass er den Stand der Clubs wählte, um ein für ihn wichtiges Fahrzeug zu präsentieren, überraschte auch Jan Ulrich, Organisator des Standes. „Für Walter Röhrl haben wir hier exklusiv einen Nachbau seines ersten 911 ausstellen können“, berichtet Jan Ulrich. Vor 1970 fuhr Röhrl schon mit anderen Marken Rallyes. „So richtig ins Rollen kam seine Karriere aber erst 1970 mit dem ersten Porsche.“ Das Original gibt es nicht mehr, allerdings sei der Nachbau von der Fahrgestellnummer ganz nah am originalen Fahrzeug, so Ulrich. „Er wollte es hier auf dem Stand der Öffentlichkeit präsentieren. Das war für uns ein kleiner Coup.“

Für Röhrl war der Einsatz mit dem Fahrzeug 1970 auf der Rallye Bavaria eine besondere einschneidende Weichenstellung. Für ihn also ein überwältigendes Gefühl, nach 50 Jahren auf dem Stand die Abdeckung vom Fahrzeug ziehen zu können.

„Claus Schmid vom 356-Stammtisch Baden-Württemberg hatte dann die ehrenvolle Aufgabe übernommen, Walter Röhrl zu interviewen. Ganze zwei Stunden hat er hier Autogramme unterschrieben“, freut sich Jan. „Eine tolle Aktion für uns und unseren Auftritt.“

Dieses Jahr wollten die Classic Clubs mit der Auswahl zeigen, dass die betagten und wertvollen Fahrzeuge tatsächlich noch in Renneinsätzen gefahren werden – mit einem Carrera Speedster, der noch die Le Mans Classic absolviert zum Beispiel. Der Club für den klassischen 911 hatte dazu sportliche 911-Derivate gestellt: einen als Donohue-Version aufgebauten ,Elfer‘ und einen 964 aus dem Carrera Cup, mit dem Roland Asch Cup-Sieger wurde. „Wir wollen die Emotion und Leidenschaft rüberbringen, die wir mit den Fahrzeugen verbinden und die wir mit und für die Autos leben“, sagt Jan Ulrich, durchaus aufgewühlt.

Neben dem Porsche 356 Club Deutschland, zu dem auch Jan Ulrich gehört, waren der Porsche Club für den klassischen 911 Südwest, der Porsche Club 924/944 Deutschland, der Porsche Club 968 Deutschland, der Porsche Club VW-Porsche 914 Deutschland und der Porsche Club 928 Deutschland vor Ort und haben mit Personal und Fahrzeugen unterstützt.

Gemeinsame Sache

„Wie immer ist es uns wichtig, bei einer Oldtimermesse den Schulterschluss zu den Clubs zu haben, die sind ja unser verlängerter Arm, das sind unsere Markenbotschafter“, erklärt uns Frank Jung, als sein Blick über das weite gemeinsame Areal schweift. „Und die haben wir ja hier bei uns gegenüber.“ Da ist sie wieder, die beeindruckende Symbiose. „Auf der einen Seite also die Wiege, die Tradition des Hauses Porsche und auf der anderen Seite die Enthusiasten, die die Fahrzeuge am Leben erhalten, die sich ja nicht nur um den Erhalt kümmern, sondern auch um das Wissen“, beschreibt Jung den Doppelpass. „Uns gefällt dieser Vielklang von Porsche hier auf der Retro: Porsche Museum, Porsche Classic, und die Porsche Classic Clubs. Das ist perfekte Markenarbeit und das dann noch am Standort Stuttgart.“

Auch Jan Ulrich kann der Zusammenarbeit mit dem Porsche Museum nur Positives abgewinnen. „Auf jeden Fall haben wir jetzt eine spannende Gesamtsituation, zusammen mit dem Porsche Museum ergibt das eine beeindruckende Fläche und man sieht die Menschen vom Museumsstand rüber zu uns flanieren, um sich auch hier die Fahrzeuge anzuschauen.“

Zudem standen die Fahrzeuge wie ein Fächer zum Museumsbereich nach vorne aufgereiht. Durch die blauen Streifen auf den Bodenplatten wurde die Grafik vom Museumsstand aufgegriffen und dank der umfangreichen Unterstützung des Community Management und der Clubbetreuung von Porsche Deutschland konnte der Stand mit Großformatdrucken, Stehtischen, Hockern und Sitzwürfeln zwischen den Fahrzeugen ausgestattet werden. „Die haben natürlich zum Sitzen, Verweilen und zum Autos Begutachten eingeladen“, weiß Jan Ulrich.

Und ein Glücklicher, wer sich diese Zeit nochmals genommen hatte.


Fotos Walter Röhrl: Dieter Röscheisen

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