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Mister Le Mans: Norbert Singer

Während seiner Zeit bei Porsche von 1970 bis 2004 ist Norbert Singer an allen Gesamtsiegen in Le Mans beteiligt. Am 16. November 2019 feiert der ehemalige Renningenieur seinen 80. Geburtstag.

Die 24 Stunden von Le Mans. Seit 1970 verbinden Porsche bis heute insgesamt 19 Gesamtsiege, unzählige Klassenerfolge und unbeschreibliche Emotionen mit dem größten und traditionsreichsten Motorsportereignis der Welt. Und wohl kaum ein Name ist seit Jahrzehnten enger mit den 24 Stunden von Le Mans verknüpft als der von Porsche-Renningenieur Norbert Singer.

An den ersten 16 Gesamtsiegen in Le Mans beteiligt

Norbert Singer ist an allen 16 Gesamtsiegen, die sowohl das Werk als auch Kundenteams in Le Mans von 1970 bis 1998 mit den Rennsportwagen vom Typ 917, 935, 936, 956, 962 C, WSC Spyder sowie 911 GT1 98 erringen, maßgeblich beteiligt. Der Diplom-Ingenieur zeichnet bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2004 zudem als Projektleiter für die meisten Porsche-Rennsportwagen verantwortlich. Als Leiter Werkssport und Einsätze obliegen Singer darüber hinaus die strategischen und taktischen Entscheidungen während der Rennen.

Geboren wird Norbert Singer am 16. November 1939 in Eger im Sudetenland, dem heutigen Cheb in der Tschechischen Republik. Die Mutter wurde wenige Tage vor Kriegsende von einem deutschen Militärlastwagen überfahren und verlor ein Bein, das andere war zeitlebens versehrt. Die Familie musste zu Kriegsende die Heimat verlassen und zog schlussendlich nach Würzburg. Vater Hans arbeitete für eine Firma, die Saatgut züchtete und vertrieb. Er arbeitete zum Teil zuhause und war verantwortlich für die Entwicklung sowie den Vertrieb besonders ertragreichen Getreides. „Meine Mutter Otty arbeitete in seinem Büro und kümmerte sich auch um den Haushalt. Wenn ich zuhause war, konnte ich etwas mithelfen“, erzählt Norbert Singer aus seinen Kindertagen.

Entscheidung zwischen Luft- und Raumfahrt und Fahrzeugtechnik

Nach dem Abitur beginnt Norbert Singer ein Maschinenbau-Studium an der Technischen Universität München. Seine Stärken liegen in der Mathematik und Physik, sein Hauptinteresse gilt der Luft- und Raumfahrt. „Besonders die Raketentechnik interessierte mich und so trat ich noch während meiner Schulzeit in die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DGLR) ein. Nach dem zweijährigen Maschinenbau-Grundstudium schrieb ich mich zwar für Fahrzeugtechnik ein, nutzte aber die Gelegenheit, auch die Vorlesungen des neu geschaffenen Studiengangs für Raumfahrt zu besuchen. Viel Freizeit blieb da natürlich nicht mehr“, so Norbert Singer über seine Studentenzeit. Mitte der 1960er-Jahre beeindrucken ihn dabei vor allem die Vorlesung des deutschen Raketenpioniers Professor Hermann Oberth sowie von Wernher von Braun, der das Mond-Programm der NASA vorstellte. 1969 schließt Norbert Singer sowohl sein Studium in Luft- und Raumfahrttechnik als auch in Fahrzeugtechnik als Diplom-Ingenieur ab.

Den entscheidenden Rat, sich beruflich der Fahrzeugtechnik und nicht der Raumfahrt zu widmen, erhält Singer von einem Mitarbeiter des Instituts für Kraftfahrwesen an der TU München, dem Fahrdynamik-Experten Hans-Hermann Braess. Er konstatiert: „Für eine Tätigkeit in der Raumfahrt haben Sie den falschen Pass. Da sollten Sie Amerikaner oder Franzose sein. Dort wird viel in die Raumfahrt investiert, aber in Deutschland stellt die Regierung nur wenig Mittel dafür bereit und falls diese gestoppt würden, stünden Sie ohne Job da. Als Deutscher sollten Sie lieber in die Automobilindustrie gehen, denn wir haben feine Unternehmen wie Mercedes, Opel, VW, Ford und BMW, die Ihnen eine Karriere ermöglichen können.“

„Mein Vater sah das genauso. Nachdem er und meine Mutter mich bis dahin unterstützt hatten, wollte er nun in Pension gehen und mich beruflich gut untergebracht sehen. Als Hans-Hermann Braess eine Anfrage von Porsche auf den Tisch bekam, in der ein junger Ingenieur für die Rennabteilung in Zuffenhausen gesucht wurde, antwortete er: „Ja, wir hätten so einen Mann“, so Singer weiter.
Zum Rennsport hat Norbert Singer zu dieser Zeit bereits eine große Affinität und besucht an einigen Wochenenden verschiedene Autorennen. „Mein großes Hobby war und ist bis heute die Fotografie. Ich war auf dem Nürburgring, doch auf der 22,8 Kilometer langen Strecke kamen beim Grand Prix die Autos nur elf Mal vorbei. Viel besser war es in Monaco, wo ich zudem viel näher an die Strecke kam. Monza gefiel mir ebenfalls sehr gut, zumal ich dort mit meinem Opel Kadett für nur 5 D-Mark eine halbe Stunde auf der Rennstrecke fahren konnte“, erzählt er.

Eintritt in die Porsche-Rennabteilung im März 1970

Obgleich Norbert Singer zu dieser Zeit auch ein Angebot von Opel – inklusive der Möglichkeit, auch in Amerika arbeiten zu können – auf dem Tisch hat, entschließt er sich dazu, sich bei Porsche zu bewerben. „Der Gedanke, in einer Rennabteilung arbeiten zu können, war einfach viel interessanter“, gesteht er. Daraufhin erhält der junge Ingenieur im Februar 1970 einen Vorstellungstermin bei Peter Falk, Leiter der Vor- und Rennwagenentwicklung im Versuch sowie Versuchsleiter in der Serienentwicklung. „Das Gespräch mit Peter Falk lief gut. Als er mich fragte, wann ich anfangen könne, antwortete ich ‘am liebsten im April`, da ich noch etwas Urlaub machen wollte. Doch die Rennsaison hatte bereits begonnen, auf die beiden Rennen in Daytona und Sebring folgte nun die Europa-Saison und so musste ich bereits am 1. März beginnen, da ansonsten niemand mehr Zeit für meine Einarbeitung gehabt hätte“, erinnert sich Norbert Singer, der zunächst in einem möblierten Zimmer in Leonberg unweit von Zuffenhausen logiert und an den freien Wochenenden heim nach Würzburg fährt, „um hier und dort etwas zu helfen“.

Die Rennabteilung ist im Werk 1 in Zuffenhausen in einem Gebäudetrakt mit dem sogenannten „D-Zug“ untergebracht, ähnlich einem Eisenbahnwaggon mit Abteilen. „Wir waren zu viert in einem Büro und konnten von dort aus die große Rennwerkstatt einsehen, wo die Rennwagen gebaut und gewartet wurden. Insgesamt arbeiteten damals mehr als 200 Personen dort. Mechaniker, Ingenieure, Konstrukteure“, erzählt Norbert Singer aus seinen ersten Tagen bei Porsche.

Eine der ersten Aufgaben: die Getriebekühlung für den 917

Singers erste Aufgaben gelten dem Porsche 917. „Zunächst sollte ich mich um die Kraftstoffversorgung aus dem 120-Liter-Tank kümmern und mich anschließend der Getriebekühlung widmen. Ferdinand Piëch lehnte einen externen Ölkühler ab, denn das hätte eine zu große Öffnung in der Karosserie bedeutet und eine zusätzliche Pumpe hätte auch noch Leistung gekostet. Er verlangte eine simple Lösung. Schließlich entwickelte ich eine aerodynamisch gute Lösung mit zwei kleinen NACA-Einlässen auf dem Heckteil, großen Luftführungsrohren und hübschen Auslässen links und rechts des Getriebes“, erklärt Norbert Singer. Wie gut die Getriebekühlung funktionierte, bewies sich in Le Mans. Kein einziger 917 hatte Kühlprobleme am Getriebe und mit Hans Herrmann und Richard Attwood gelang schließlich auch der langersehnte erste Gesamtsieg an der Sarthe.

Aerodynamische Entwicklung als eine der Hauptaufgaben

In der Zeit danach steht für Norbert Singer viel aerodynamische Entwicklung mit dem 917 auf dem Programm. „Eine meiner Arbeiten betraf zunächst das Kurzheck. Es galt einerseits den Luftwiderstand zu reduzieren und gleichzeitig den Abtrieb zu verbessern. Wir entwickelten immer wieder neue Varianten, unternahmen Versuche im Windkanal der Universität Stuttgart und testeten schließlich in Hockenheim. Mittels Messeinrichtungen konnten wir dort sehen, wie sich der Wagen auf der Strecke verhielt und ob sich meine Ergebnisse aus der Windkanalarbeit bestätigten“, berichtet Norbert Singer, der sich in der Porsche-Rennabteilung bereits in dieser kurzen Zeit hohe Akzeptanz verschafft hat. Beteiligt ist er auch an der Optimierung des 917 Langheck. Und auch beim 917/10 und beim 917/30 mit Turboaufladung, bei denen es für die winkligen Strecken in den USA vor allem auf Abtrieb ankommt, ist das aerodynamische Know-how von Norbert Singer von großer Bedeutung.

Vom 911 Carrera RSR zur Gruppe C

In den darauffolgenden 32 Jahren zeichnet Norbert Singer für viele herausragende Rennfahrzeuge von Porsche verantwortlich. So übernimmt er Ende 1972 das Projekt 911 Carrera RSR und 1974 folgt mit dem 911 Carrera RSR Turbo 2.1 die weitere Ausbaustufe, die nun bereits auf die in den 917/10 und 917/30 erfolgreich eingesetzte Turbo-Technik setzt und 1976 schließlich zum 935 führt. „Dabei optimierten wir 1977 die Luftströmung durch eine höhere Heckpartie. Da das serienmäßige Heckfenster gemäß Reglement erhalten bleiben musste, konstruierten wir ein darüber liegendes Heckfenster, was für eine deutlich bessere Aerodynamik sorgte“, berichtet Norbert Singer über diese clevere Interpretation des Reglements der damaligen Gruppe 5. Eine ebenso clevere wie konsequente Auslegung des für 1978 geänderten Reglements führt schließlich zum berühmten, mit einem Gitterrohrrahmen verstärkten 935/78 „Moby Dick“.

Nach zahlreichen Erfolgen mit dem 935 sowie dem 936 folgt mit dem Inkrafttreten des Gruppe-C-Reglements 1982 der vielleicht größte technische Meilenstein in Norbert Singers Karriere. Bei der Entwicklung des 956 stellt er einmal mehr sein enormes Fachwissen im Bereich der Aerodynamik unter Beweis und verhilft dem Fahrzeug mit einer speziellen Gestaltung des Unterbodens mit Luftkanälen und der legendären „Singer-Delle“ zum „Ground effect“ und damit zu einer extrem wirkungsvollen Bodenhaftung durch hohen Abtrieb. So gewinnen die Porsche 956 und 962 C in der Zeit von 1982 bis 1986 nicht weniger als fünf Fahrer-, drei Marken- und zwei Team-Weltmeisterschaften. Außerdem erringen sie sieben Gesamtsiege in Le Mans.

Der „Spirit of Le Mans“ für eine außerordentliche Erfolgsbilanz

Den letzten Gesamtsieg seiner aktiven Laufbahn in Le Mans feiert Norbert Singer 1998, wo die beiden mit einem Kohlefaser-Monocoque ausgestatteten Werks-Porsche 911 GT1 einen Doppelsieg feiern. Auch in der amerikanischen IMSA-Serie sichern sich Norbert Singers Fahrzeuge mehr als ein Dutzend Titel. Beim US-Langstrecken-Klassiker in Daytona, Florida, erreichen sie ebenso zahleiche Gesamtsiege wie bei den 12 Stunden von Sebring im selben US-Bundesstaat. Im Jahr 2003 erhält Norbert Singer für seine Verdienste um das 24-Stunden-Rennen von Le Mans sowie für seine einzigartigen Erfolge bei dem Langstreckenklassiker vom Automobile Club de l’ Ouest (ACO) zusammen mit dem Formel-1-Weltmeister und dreifachen Le-Mans-Sieger Phill Hill den Preis „Spirit of Le Mans“, überreicht von ACO-Präsident Michel Cosson. Diese hohe Auszeichnung wird seit 2001 verliehen und ist in den Jahren zuvor unter anderem Ferdinand Piëch, Jacky Ickx sowie Derek Bell zuteilgeworden.

Als Berater und Gesprächspartner bis heute gefragt

Im Jahr 2004 geht Norbert Singer in den Ruhestand, arbeitet jedoch noch weitere Jahre bis 2010 als Berater für den Porsche-Kundensport. Auch danach ist sein Expertenwissen immer wieder von größtem Wert. Gerade auch dann, wenn es um Restaurierungen von Rennfahrzeugen des Porsche Museums geht, wie zuletzt beim ersten 917 mit der Chassis-Nummer 917 001 oder dem 956 mit der Fahrgestellnummer 917 005. Seit 2006 hält Norbert Singer zudem Vorlesungen an der Hochschule in Esslingen. Für sein Engagement und die erfolgreiche Lehrtätigkeit an der Fakultät Fahrzeugtechnik wird er 2018 von dieser Hochschule mit der goldenen Ehrennadel ausgezeichnet.

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